Christlich-Islamischer Gesprächskreis - Wahrheitsanspruch in beiden Religionen
Zu zehnt waren wir auch diesmal wieder eine äußerst lebendige und diskussionsfreudige Runde. Wir konnten auch einen neuen Interessenten aus Pfungstadt begrüßen. Zur Zusammensetzung möchte ich heute einmal das Augenmerk auf die Herkünfte lenken: Neben Mono-Deutschen waren Menschen versammelt, die in 1. oder 2. Generation angereichert sind mit marokkanischer, ägyptischer, türkischer und krim-tatarischer Kultur. Eine recht globale Diskussionsgemeinschaft. 
 
Den Anfang machte ein Gespräch über den Vortrag des ehemaligen Kirchenpräsidenten der EHKN (Ev. Kirche in Hessen und Nassau) zum Thema „Der eine Gott und die vielen Religionen“, an dem zwei der muslimischen Anwesenden teilgenommen hatten. Der Referent ist als Persönlichkeit wiederum nicht sehr positiv angekommen (jedenfalls nicht bei unseren zwei Berichterstattenden), da er schlecht mit Kritik umzugehen weiß und auch den Muslim-inn-en mitzuteilen weiß, was ihren Glauben ausmacht. Letzteres haben wir uns in unserer Dialog-Kultur längst abgewöhnt.
Inhaltlich hat er wohl eine Reihe wichtiger Punkte angesprochen, wir haben uns etwas länger über Aspekte der Auferstehung ausgetauscht, die der Referent „symbolisch“ nannte. Er hat zuvor wohl einige Zeit beansprucht, darzulegen, was er theologisch unter „Symbol“ versteht: Im Wesentlichen etwas wie einen Verweis auf Größeres.
Exkurs: Ich habe gerade in Chrismon, dem evangelischen Magazin, gelesen, was Wolfgang Huber, ehem. Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, zur Auferstehung schreibt: „Es gehe um eine Überwindung des Todes, die auch über die uns vertraute Leiblichkeit hinausgeht.“ Verwiesen wird auf den 1. Brief des Paulus an die Korinther (15,44): „…auferweckt (wird) ein geistiger Leib“. Entscheidend an der christlichen Auferstehungshoffnung ist der Gedanke: Die Verbindung zu Gott bricht mit dem Tod nicht ab.
Zum eigentlichen Thema kamen wir dann eine Stunde später. Insgesamt hat der Abend wieder drei Stunden gedauert, was für ältere Teilnehmer-inne-n natürlich eine Überforderung ist. Aber es gilt ja die Regel, daß jeder nach eigenem Vermögen teilnehmen kann.
 
Pastor Mainka hatte sich in einer Dialog-Veranstaltung auf der Marienhöhe mit dem Wahrheitsanspruch im Christentum auseinandergesetzt. (Bekir Alboga, Dialog-Beauftragter des größten muslimischen Verbandes in Deutschland (DITIB), mit dem islamischen, den wir beim nächsten Treffen anhören wollen (falls nicht noch ein besserer Vorschlag kommt)).
Ich hatte die Veranstaltung aufgezeichnet und wir haben uns seine Stellungnahme angehört.
Die Grundaussage Mainkas ist: Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, für das wir Menschen nichts können, das wir uns nicht erarbeitet haben. Durch die Annahme dieses Geschenkes werden wir nicht zu Menschen, die über anderen stehen und höherwertig sind.
In der Diskussion galt es dann, das Mißverständnis auszuräumen, daß sich Christinnen und Christen um nichts mehr bemühen müßten, ihnen das Heil sozusagen in den Schoß fiele. Daß Gott ein Geschenk macht, ein unverdientes Angebot, schließt ja nicht aus, daß Christinnen und Christen es auch annehmen, ergreifen müssen. Und wer sich dann tatsächlich auf den Weg Jesu macht, seine Nachfolge antreten will, der muß hart an sich arbeiten, da bleibt der große Dschihad (die große Anstrengung) nicht aus. Der biblische Leitsatz „verkaufe alles, was du hast und folge mir nach“ ist schon im Ansatz eine ziemliche Zumutung und bedarf lebenslanger Arbeit an sich selbst.
Mit genanntem Mißverständnis geht ein weiteres einher: „Christinnen und Christen sei alles erlaubt ohne Schaden an ihrem Seelenheil zu nehmen“. „Wo bleibt die Pädagogik?“ wurde gefragt. Mit „Pädagogik“ ist hier Sündenlehre gemeint. Wo bleibt die Anleitung, die Ermutigung, immer wieder sich um den rechten Weg zu bemühen? Die moderne christliche Erziehung hat sicherlich die Drohung mit Höllenstrafen überwunden. Eine Sünde ist die wissentliche Entfernung vom Weg Gottes. Wer dies tut, schadet sich selbst. Er/sie entfernt sich aus der religiösen Weggemeinschaft, vereinsamt möglicherweise in seiner Seele, verliert sein Ziel aus dem Auge, handelt insofern gegen sein eigenes Interesse. Er/sie läuft größere Gefahr, sich in nur noch innerweltliche Schuldzusammenhänge zu verstricken, die keinen tragenden Lebenssinn ergeben, er/sie ist, religiös gesprochen, auf dem Weg, sich die Hölle zu bereiten. Für Christinnen und Christen ist der Weg Jesu das (ein) Angebot Gottes, die Wegkarte immer wieder neu „einzunorden“.
 
Mein Exkurs: Daß dies so geglaubt wird, hat seinen Anlaß in den historischen Gegebenheiten zur Zeit Jesu. Es ist eine Umbruchszeit, römische Besatzung der Heimat und des Volkes Jesu, Versuche der Paganisierung dieser römischen Provinz, Entweihung des Tempels, des höchsten Heiligtums durch die Besatzer und insbesondere die Kollaboration mancher israelitischer Fürsten, die die Paganisierung ihrer Kultur und Religion zuließen und nicht zuletzt die Korruption und Säkularisierung der Tempelpriesterschaft. Alles deutet auf einen Flächenbrand des Niedergangs der Religion der Väter hin, Endzeitstimmung kommt auf, Reformer treten auf, einer davon Jesus als Wanderprediger (andere Reformbewegungen sind die Pharisäer, die Essener, die Täuferbewegung des Johannes usw., aber auch politische Befreiungsbewegungen der Zeloten oder Sikkarier…).
Die Jesusbewegung setzt sich nicht zur Reform des israelitischen Glaubens durch (Gründe können erläutert werden), sondern entwickelt sich letztlich zur eigenen Religion. Aus der antiken israelitischen Religion gehen somit zwei „Schwester-Religionen“ hervor: die jüdische und die christliche (heutige theologische Position „nach Auschwitz“). Papst Johannes Paul II prägte den Begriff von „unseren älteren Brüdern und Schwestern“.
Die jesuanische Botschaft wird von seinen Nachfolger-inne-n als Geschenk Gottes, als Ausweg aus der damaligen Ausweglosigkeit, aus damaligen und heutigen Höllenwegen, erkannt. (Exkurs Ende)
 
Zur Frage nach der Person Jesu:
In dem Maße, in dem die christliche Kirche nicht nur den Christus, den Gesalbten Gottes sieht, den sie dem Judentum sozusagen um die Ohren schlägt (christliche Gewaltgeschichte gegenüber dem Judentum), sondern auch den Juden Jesus, in dem Maße ist das heutige (liberale) Judentum in der Lage, diesen Jesus auch als jüdischen Gelehrten für sich zu entdecken, denn Jesus hat für seine Predigten aus nichts anderem geschöpft als aus der hebräischen Bibel. Über die Jahrhunderte war er natürlich eine Haßfigur für die Jüdinnen und Juden, für die Christinnen und Christen Gottes Realität auf Erden und für die Musliminnen und Muslime einer der drei Gesandten Gottes.
Aber, wie aufgezeigt, die Dinge können sich ändern, wenn die Quellen sensibel neu befragt werden.
In der Frage der islamischen Ablehnung des Kreuzestodes Jesu wird von muslimischer Seite auf eine Bibelstelle verwiesen, die inhaltlich Kreuzigung als Gottesverdammnis (?) kennzeichnet, was für Musliminnen und Muslime einen (inner-christlichen) Widerspruch zum Glauben an die Gottessohnschaft darstellt. Senay will mir die entsprechende Bibelstelle zukommen lassen, da sie uns nicht geläufig war.
 
Der Vollständigkeit halber seien hier die Risiken und Chancen der Interreligiosität aufgeführt, wie sie Pastor Mainka in seinem Vortrag formuliert hat:
Risiken:
1. ein Kampf der Religionen
2. gegenseitige Neutralisierung der Religionen
3. Annahme gleicher Inhalte aller Religionen und Tendenz zur „Patchwork-Religion“
Chancen:
1. Erkenntnis: die Frage nach Gott und seiner Wahrheit hat sich nicht erledigt.
2. Besseres Verständnis der eigenen Religion durch die Begegnung der Religionen,
3. Dialog der Religionen als Chance für den Frieden.
 
Und er wiederholt noch mal seine Glaubensgrundlage:
Daß Gott sich in Jesus Christus selbst für alle Menschen geopfert hat und daß Religion deshalb nicht dazu dient, sich über andere Menschen zu erheben, sondern eben dazu, das Vertrauen in die Liebe Gottes zu allen Menschen zu verstärken.
 
Mit besten Grüßen,
Johannes

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